Mann trinkt genussvoll Wein

Reicher, als du denkst

Jürgen Ferrary
1. Dezember 2025

„Unsere Wirtschaft geht den Bach runter“, sagen viele. Die Preise für Lebensmittel, Energie, Mieten und selbst kleine Alltagsfreuden steigen schneller, als man rechnen kann. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen in Sorge leben: Können wir uns das Leben morgen überhaupt noch leisten? „Wir müssen uns von unserem Wohlstand verabschieden“, heißt es in den Medien. Und das macht Angst.

Doch mitten in diese Unsicherheit hinein steht ein erstaunlicher Gedanke: Gott möchte, dass wir unser Leben trotzdem genießen.

Meine Uroma war eine bettelarme Frau. Sie überlebte zwei Weltkriege und fünf Ehemänner und lebte bis zu ihrem Tod in einem Kreuzberger Hinterhof – ohne Badezimmer, dafür mit Ofenheizung. Und doch habe ich selten einen Menschen erlebt, der so zufrieden und glücklich war.

Wenn ich sie besuchte, holte sie oft ein Stück Kuchen – für mich. Damals habe ich nicht verstanden, dass sie sich vermutlich nur eines leisten konnte – und selbst darauf verzichtete. Sie sammelte alte Obstkisten, hackte sie auch noch mit über 90 Jahren klein – für ihren Ofen. Wenn sie sich etwas Besonderes gönnte – zum Beispiel ein Huhn vom Fleischer – dann verwertete sie wirklich alles und hatte eine Woche davon zu essen.

Ja, sie war arm. Aber sie war glücklich.

Heute verstehe ich: Sie genoss ihr Leben, weil sie ein reines Gewissen Gott gegenüber hatte. Sie hatte immer wieder erlebt, wie Gott sie versorgt hatte. Und sie wusste, dass dieses Leben nur eine Zwischenstation ist. „Das Beste kommt noch“, sagte sie oft – und meinte es wirklich so.

Egal, was war: Sie fühlte sich in Gottes Liebe geborgen. Sie konnte von Herzen lachen. Sie liebte einen Kaffee mit Freunden – für sie damals ein echter Luxus – und nahm dafür auch mal einen einstündigen Fußmarsch in Kauf.

Durch sie habe ich verstanden, warum die Bibel Besitz immer wieder kritisch beleuchtet. Paulus schreibt:
„Den Reichen musst du einschärfen, sich nichts auf ihren Besitz einzubilden und sich nicht auf etwas so Unsicheres wie Reichtum zu verlassen. Sie sollen auf Gott hoffen. Er ist es, der uns mit allem reich beschenkt, damit wir es genießen können“ (1. Timotheus 6,17).

Was für ein Satz: Gott beschenkt uns, damit wir es genießen!

Und doch denken viele: Gott ist ein Spielverderber. Christsein heißt, auf alles zu verzichten. Als wäre mit Glauben die Party vorbei. Doch genau das Gegenteil ist wahr. Gott ist nicht gegen Freude – er ist der Ursprung echter Freude.

Das Problem ist nur: Wir verwechseln Genuss mit Ersatzgöttern. Menschen jagen dem nächsten Kick nach, investieren immer mehr Zeit, Geld und Energie – und bekommen immer weniger echte Lebensfreude zurück. Das Gesetz des abnehmenden Ertrags. Und irgendwann fragen sie: Haben wir denn jetzt endlich Spaß?

Meine Uroma hatte fast nichts – aber sie hatte Gott. Und damit hatte sie mehr als viele, die heute alles haben.

Glück hängt nicht vom Kontostand ab.
Frieden hängt nicht vom Besitz ab.
Freude hängt nicht von Umständen ab.

Sie kommt aus einem Herzen, das weiß: Ich bin getragen. Heute. Und morgen auch.

Herausforderung für heute: Geld und Besitz sind nicht falsch – aber sie können leicht zu einem Ersatzgott werden. Frag dich heute ehrlich: Was macht mich wirklich glücklich – ganz unabhängig von äußeren Umständen? Und welche Quelle meiner Freude hat Bestand, selbst wenn alles andere wackelt?

Sei gesegnet!

„Nicht wer zu wenig hat, sondern wer mehr begehrt, ist arm“ (Lucius Annaeus Seneca).

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